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Die Orthodoxe Kirche

Die Kirchen der orthodoxen Christenheit, der - so die deutsche Übersetzung - rechtgläubigen Kirchen, sind v. a. in Osteuropa und dem vorderen und mittleren Orient verbreitet, durch Migranten auch in den westlichen Industrieländern. Die im Glaubensbekenntnis genannte selbst-Bezeichnung lautet: Die Eine, Heilige, Katholische und Apostolische Kirche. Die orthodoxen Christen betrachten sich - wie schon ihr Name sagt - als die einzigen legitimen Nachfolger der alten Kirche, von deren Grundlage sich die westliche Kirche entfernt habe. Die Kirchenspaltung, das Morgenländische Schisma, wird gemeinhin auf das Jahr 1054 datiert; tatsächlich stellt dieses Datum aber nur den Endpunkt einer großen, jahrhundertelangen Entfremdung dar, als deren Symbol die Unterschiede in der Frage des „Filioque” gelten.

Dabei vermischten sich theologische mit politischen Motiven. Einer der wichtigsten Streitpunkte in der theologischen Diskussion war seit jeher die Frage, wie sich in Jesus Christus dessen menschliche und göttliche Wesensart zueinander verhalten. Dabei wurde von den Theologen das Schwergewicht des Nachdenkens einmal auf seine menschliche Wesensart, auf Jesu Christi Lehre und Leben, auf seine Geschichtlichkeit und seine Bedeutung für die Nachfolge der Christen gelegt, während andere Theologen besonders Jesu Christi Göttlichkeit, seine Bedeutung für die Erlösung des Menschen, seine sakrale und kultische Funktion betonten. Auf verschiedenen Konzilen wurde immer wieder versucht, diese Unterschiede aufzuarbeiten und gemeinsame Formeln zu finden.

Das einzige Konzil, das ein bis heute von allen christlichen Kirchen anerkanntes Glaubensbekenntnis formulieren konnte, ist dasjenige von Nicäa im Jahre 325; dieses Bekenntnis von Nicäa wurde beim 1. Konzil von Konstantinopel 381 erneuert. Der andere Grund für die zunehmende Entfremdung zwischen Ostkirche und dem Westen wurde gelegt mit der Teilung des Römischen Reiches, eingeleitet im Jahre 286. In der Folge wurde 330 Konstantinopel - das heutige Ístanbul - zur Hauptstadt des gesamten Reiches; das neue Rom beanspruchte nun die gleichen Rechte wie die alte Hauptstadt, das heißt auch die Oberhoheit über die Kirche. Mit zunehmender Heftigkeit wurde der Primat des Papstes abgelehnt. Ein vergleichsweise geringer Anlass führte schließlich dazu, dass der römische Papst 1054 den Patriarchen der Ostkirche exkommunizierte: die Kirchenspaltung war nun auch äußerlich vollzogen.

Die Orthodoxen Kirchen sind nach der römisch-katholischen Kirche und dem protestantischen Christentum die drittgrößte christliche Glaubensrichtung. Die einzelnen orthodoxen Kirchen verstehen sich nicht als Teil der Kirche, sondern als Ausdruck der ganzen Einen Kirche mit unterschiedlicher Entfaltung, geprägt jeweils durch Ort, nationale Zugehörigkeit, Sprache und Tradition.

Das orthodoxe Christentum hat nie starre Dogmen formuliert, hat nie in solch gedanklicher Strenge wie die Kirche des Westens wissenschaftliche Theologie betrieben. Es hat dagegen sehr gut verstanden, sich den kulturellen Gegebenheiten und Traditionen der Länder anzupassen, in denen es wirksam wurde; so verschieden die Völker seines Verbreitungsgebietes sind, so verschieden ist die Ausprägung der Frömmigkeit. Das einigende Band aller orthodoxen Christen ist der Glaube an die Herrlichkeit des einen Gottes und die innere, persönliche Gegenwart des Geistes im Menschen. Der Geist ist die Quelle des sakramentalen und religiösen Lebens, er ist das Verbindungsglied zwischen Mensch und Gott. Diesen Geist empfängt der Mensch in seiner Wiedergeburt durch den Glauben, er befreit ihn von Sünde und Tod und verwandelt ihn zu einem spirituellen Wesen. Erlösung ist der Empfang des heiligen Geistes als Geschenk Gottes und Christus war der erste Mensch, der diesen Schritt vom geistlosen zum geistbegabten, spirituellen Wesen getan hat. Bedeutsam ist also weniger Christi Leiden und Kreuzestod, sondern der triumphierende österliche Christus, der Auferstandene. Ostern ist das größte Fest der orthodoxen Christen und wird mit prächtigen, lebensbejahenden, frohsinnigen Gottesdiensten in der Osternacht gefeiert. Die volkstümliche Bedeutung von Ostern im Osten und von Weihnachten im Westen ist Ausfluss der unterschiedlichen Betonung verschiedener Aspekte des Glaubens.

Die orthodoxen Kirchen kennen sieben Mysterien, die den Sakramenten der katholischen Kirche entsprechen:

  • das Mysterium der Erleuchtung - die Taufe

  • das Mysterium der Versiegelung - die Salbung, direkt nach der Taufe. Dies entspricht Firmung bzw. Konfirmation; ein Ritual beim Übergang zum Erwachsenwerden gibt es nicht.

  • das Mysterium des Heiligen und Kostbaren Leibes und Blutes des Herrn

  • das Mysterium der Sündenvergebung

  • das Mysterium der Handauflegung, entspricht der westlichen Ordination der Amtsträger

  • das Mysterium der Krönung - die Eheschließung

  • das Mysterium des Heiligen Öls - die Krankensalbung

 

Diese Siebenzahl ist in der Orthodoxie nicht dogmatisch festgelegt; auch Handlungen wie Begräbnis und Wasserweihe haben sakramentalen Charakter.


In der Reformationszeit wurde die Siebenzahl auch von der römisch-katholischen Kirche dogmatisiert, nachdem diese sich seit dem 13. Jahrhundert entwickelt hatte; schon beim 2. Konzil von Lyon 1274 wurde ein Glaubensbekenntnis mit der Aufzählung dieser Sakramente zur Kenntnis genommen.

Das Weihesakrament hat drei Stufen: Diakonat, Presbyterat (Priesteramt) und Episkopat (Bischof). Die Weihe können nur Männer empfangen, aber nur die Bischöfe, die zumeist auch Mönche sind, sind zum Zölibat verpflichtet. Verwitwete Priester können zum Bischof gewählt und geweiht werden. Diakone und Priester sind in der Regel verheiratet, die Eheschließung muss aber vor der Diakonats-Weihe erfolgt sein.
An der Spitze steht der Patriarch oder Metropolit, ohne Primat, als erster unter Gleichen im Kollegium der Bischöfe. Priester sind ihrem Bischof unterstellt, ebenso die Diakone. Als Ämter ohne sakramentale Weihe gibt es Subdiakone, Lektoren, Kantoren und Türhüter.

Die meisten Theologen sind lehrend tätig und sind keine Priester; die meisten Priester sind umgekehrt keine Theologen, ihre Ausbildung ist praxisorientiert und findet nicht an Universitäten statt. Caritative Dienste sind Aufgabe der Laien und des Staates – nicht der Kirche; ihr obliegt die Durchführung der Gottesdienste. Auch Mönche sind nur selten Priester. Ordensgemeinschaften im westlichen Sinne gibt es in der Orthodoxie nicht, jedes einzelne Kloster ist selbständig.

Im Mittelpunkt der orthodoxen Spiritualität steht die Liturgie, die in ihrer Grundstrukturauf das 1. und 2. Jahrhundert zurückgeht. Der erste Teil der Liturgie, die Liturgie der Katechumenen, umfasst Lesungen und Gebete; sie geht auf den jüdischen Synagogengottesdienst zurück, wie er zur Zeit Jesu üblich war. Der zweite Teil, die Liturgie der Gläubigen mit Eucharistiefeier ist für die Getauften bestimmt - früher mussten nicht getaufte Glaubensanwärter zuvor die Kirche verlassen.

Kirche ist nach orthodoxem Verständnis, wo Eucharistie gefeiert wird. In ihr erlebt die Gemeinde die lebendige Gegenwart Jesu Christi und durch ihn die Gemeinschaft mit dem dreieinigen Gott, mit den Engeln und der großen Schar der Heiligen. Die Gemeinde der Gläubigen wird durch den Empfang der eucharistischen Gaben in den Leib Christi verwandelt.

Die Liturgie dauerte ursprünglich etwa fünf Stunden. Die Basilius-Liturgie, die an hohen Feiertagen und am Basiliustag gefeiert wird, dauert etwa zweieinhalb, die Chrysostomus-Liturgie, die an den meisten Sonntagen gefeiert wird, etwa eineinhalb Stunden. Zusammen mit dem Orthros, dem Morgenlob, und weiteren Gebeten dauert der Gottesdienst auch an normalen Sonntagen meist mehr als drei Stunden. Zur vollen Feier braucht es neben dem Priester auch einen assistierden Diakon; in einer vereinfachten Form kann ohne Diakon gefeiert werden. Wichtig für die Liturgie sind die Gesänge, die als Gebete verstanden werden und deshalb nur durch menschliche Stimmen vorgetragen werden können; der Gebrauch von Instrumenten ist in griechisch-orthodoxen Kirchen nicht gestattet.

Gebetet wird stehend, in den Gottesdiensten wird meist generell gestanden, Bestuhlung gibt es oft nur entlang der Wände für Alte und Schwache; knien ist unüblich. Am Ende der Liturgie segnet der Priester mit mit einem Kreuz in der Hand, die Gemeindeglieder kommen dann, um das Segenskreuz durch einen Kuss zu verehren. Anschließend wird das Antidoron, die Ersatzgabe, das gesegnete, aber nicht geeweihte Brot an alle Teilnehmer - auch an Gäste - ausgeteilt; dies ist oft ein Ersatz für die Kommunion, die aus Ehrfurcht und wegen der notwendigen Vorbereitung durch langes Fasten nur selten empfangen wird. Eine besondere Bedeutung haben die Ikonen: sie wecken Ehrfurcht und stellen eine existenzielle Verbindung zwischen dem Betrachter und dem Dargestellten und zu Gott her.

Beim Kreuzzeichen, das in der Liturgie oft vorkommt, bewegen die Menschen ihre Hand von der Stirn bis etwa zur Bauchmitte und anschließend von der rechten zur linken Schulter - in der katholischen Kirche wird das Kreuz von der linken zur rechten Schulter gezeichnet. Dies soll deutlich machen, dass das Kreuz eigentlich von Christus entgegengenommen wird, die Bewegung ist deshalb spiegelverkehrt. Dabei werden Daumen, Zeigefinger und Mittelfinger zusammengehalten - drei Finger als Hinweis auf die Dreieinigkeit -, während Ringfinger und kleiner Finger an der Handfläche anliegen - Symbol für die zwei Naturen Christi.

Das Kirchenjahr beginnt für die Orthodxen am 1. September; an diesem Tag begann im Byzantinischen Reich das neue Steuerjahr. Das Datum des Osterfestes, des wichtigsten Festtages in den orthodoxen Kirchen, wird - außer in der finnischen Kirche - nach dem Julianischen Kalender berechnet. Für datumsmäßig feste Feste wie Weihnachten haben manche orthodoxe Kirchen den Neo-Julianischen Kalender eingeführt, der bis zum Jahr 2800 dem Gregorianischen Kalender entsprecht. Im Rang hinter Ostern stehen die Zwölf Feste:

Heute besteht die Orthodoxie aus 14 bzw. 15 autokephalen, d. h. selbständigen, und 5 bzw. 6 autonomen Kirchen und umfasst:

4 (von dereinst 5 - einschl. des Papstes in Rom -) altkirchliche Patriarchate:

5 Patriarchate der nachkaiserlichen Zeit:

  • das Katholikat von Georgien mit Liturgie in georgischer Sprache;

  • das Patriarchat von Bulgarien mit der Liturgie in Kirchenslawisch;

  • das Patriarchat von Moskau und ganz Russland mit der Liturgie in Kirchenslawisch;

  • das Patriarchat von Serbien mit der Liturgie in Serbisch, selten in Kirchenslawisch;

  • das Patriarchat von Rumänien, mit der Liturgie in Rumänisch.

6 (oder 7) weitere autokephale Kirchen:

  • das Erzbistum von Zypern mit der Liturgie in Altgriechisch;

  • das Erzbistum von Hellas für den Großteil des griechischen Festlands mit der Liturgie in Altgriechisch;

  • das Erzbistum von Polen;

  • die Kirche von Albanien;

  • das autokephale orthodoxe Erzbistum Tschechiens und der Slowakei;

  • die Kirche der Ukraine (nach Beschluss der Heiligen Synode unter dem Vorsitz von Patriarch Bartholomaios I. und der Gründungsversammlung am 15. Dezember 2018), der aber nur ein kleiner Teil der Priester angehört, der größere Teil blieb bei der Kirche des Patriarchats von Moskau und ganz Russland. Die ukrainische Kirche des Kiewer Patriarchats hatte sich 1991 vom Moskauer Patriarchat abgespalten, was aber nicht vom Moskauer Patriarchat autorisiert wurde; deshalb anerkennt das Moskauer Patriarchat auch jetzt diese Autokephalität nicht an.

Die Orthodoxe Kirche in Amerika erhielt Autokephalie von der Russisch-Orthodoxen Kirche gewährt, wird aber von den übrigen autokephalen Kirchen nur als autonom anerkannt.

5 (oder 6) autonome Kirchen, bei denen eine autokephale Kirche Mitspracherecht hat bei der Bestimmung des Vorstehers:

  • das Erzbistum von Finnland;

  • das Erzbistum von Japan;

  • die Russisch-Orthodoxe Auslandskirche;

  • das Erzbistum des Sinai, bestehend aus dem Katharinenkloster und wenigen Beduinenfamilien;

  • die Metropolie von Estland - die Autonomie wird vom Moskauer Patriarchat nicht anerkannt.

Weitere nationale Kirchen entstanden durch Abspaltung, sie werden von keiner autokephalen Kirche anerkannt:

  • die Mazedonische Kirche beruft sich auf die Tradition des 1767 aufgelösten Erzbistums Ohrid; sie erklärte sich 1967 gegen den Willen des Patriarchats von Serbien für autokephal;

  • die 1963 gegründete Montenegrinisch-Orthodoxe Kirche;

  • die Belarussische (Weißrussische) Kirche, die v. a. in den USA verbreitet ist.

Nicht zur Familie der Orthodoxen Kirchen gehören jene Ostkirchen, die mit der römisch-katholischen Kirche in Glaubens-, Gebets- und Sakramentengemeinschaft stehen und den Papst als Oberhaupt anerkennen - sie werden deshalb als mit Rom unierte - d. h. geeinte - Kirchen bezeichnet. Diese insgesamt 23 Kirchen gibt es jeweils neben fast allen orthodoxen Patriarchaten und Landeskirchen. Sie feiern den Gottesdienst nach den östlichen Riten und stehen in ihrer Tradition und in der Gestaltung der Ämter den orthoxen Kirchen nahe, werden aber von diesen nicht anerkannt und umfassen meist nur eine kleine Minderheit der Gläubigen in ihrem Gebiet;

  • nur die Kirche der Maroniten ist in allen Belangen mit Rom vereint.

Weil die orthodoxen Kirchen sich als die ursprüngliche christliche Kirche sehen, von der sich alle übrigen Kirchen entfernt haben, verstehen sich die orthodoxen Kirchen als Heimat aller Christen in ihrem Gebiet. Nicht akzeptabel sind deshalb evangelische Kirchen, papsttreue unierte Kirchen und die in letzter Zeit vorangetriebene Gründung von römisch-katholischen Bistümern in ihren Ländern.

Die Äthiopisch-Orthodoxe Tewahedo-Kirche und die infolge der Selbständigkeit Eritreas 1993 davon abgepaltete Eritreisch-Orthodoxe Tewahedo-Kirche führen die Bezeichnung orthodox im Sinne von rechtgläubig im Namen, gehören aber nicht zur orthodoxen Kirchenfamilie, sondern sind monophysitistische Kirchen; daselbe gilt für die Malankara Syrisch-Orthodoxe Kirche und die davon 1912 abgespaltete Malankara Orthodox-Syrische Kirche.

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Joachim Schäfer: Artikel Orthodoxe Kirchen, aus dem Ökumenischen Heiligenlexikon - https://www.heiligenlexikon.de/Glossar/Orthodoxe_Kirche.html, abgerufen am 9. 2. 2020
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