IKONEN MAUTNER

Echte und gefälschte Ikonen erkennen

An die Frage der Datierung und der Stilanalyse schließt sich auch oft die Frage an, ob es sich tun eine echte oder gefälschte Ikone handelt. Von einer Fälschung muss bei Ikonen dann gesprochen werden, wenn versucht wurde, einen alten Stil zu kopieren, um eine alte Ikone vorzutäuschen. Bei russischen Ikonen sind kaum Fälschungen bekannt. In Griechenland dagegen haben es bestimmte Malschulen in neuerer Zeit im Fälschen zu großer Perfektion gebracht. Selbst Museen konnten bis in die jüngste Zeit getäuscht werden.

Wenn Teile der alten Ikone noch erhalten sind, -andere aber nachträglich ergänzt wurden, ohne dass ausdrücklich auf diese Restaurierung im Katalog oder vom Fachhändler hingewiesen wird, spricht man von einer Teilfälschung. Es kommt auch zuweilen vor, dass eine alte Ikone eine junge Basma erhalten hat, die im alten Stil gefertigt wurde. Mit dieser Verkleidung lassen sich zum Beispiel Randschäden gut kaschieren. Auch hier sollte ausdrücklich erwähnt sein, daß es sich nicht um eine Original-Basma handelt.

Ein Fachmann mit großer Erfahrung wird meist sehr rasch feststellen können, ob es sich um eine echte oder falsche Ikone handelt. Doch verschiedene Kriterien kann sich auch der Laie aneignen:

Die Rückseite zeigt, ob das Holz mit dem Beil zugehauen wurde, wie es bei sehr alten Ikonen der Fall ist. An der Art, wie die Querstreben, die “Sponki”, auf der Rückseite eingeschoben sind, läßt sich ebenfalls häufig auf das Alter der Ikone schließen. Wurmlöcher zeigen nicht immer das wahre Alter der Ikone an. Um zu täuschen, wurden im 20. Jahrhundert Ikonen auf altem Holz gemalt, das bereits Wurmlöcher aufwies. Künstlich erzeugte Wurmlöcher haben gerade Gänge im Unterschied zu den unregelmäßigen natürlichen Wurmgängen. Auch an den Krakelüren, den Rissen in den Farb¬und Firnisschichten, lässt sich häufig das ungefähre Alter der Ikone ablesen. Doch auch hier ist man vor Täuschungen nicht sicher. Wenn man nämlich in jüngster Zeit gemalte Ikonen großer Hitze aussetzt, entstehen Risse, die sich allerdings von denen, die durch natürliche Alterung hervorgerufen wurden, durch ihre Form unterscheiden.

In allen Zweifelsfällen wende man sich an den Fachmann oder an Institute und Forschungslabore, die durch eine Materialuntersuchung Alter und Echtheit von Kunstgegenständen bestimmen. Beim Kauf einer Ikone sollte man unbedingt auf eine Echtheitsbescheinigung (Expertise) bestehen. Sie sollte zunächst einmal die Provenienz der Ikone angeben. Bei einigen Ikonen lässt sich die Schule bestimmen, aus der sie stammen. Das ist vor allem bei solchen aus der Palecher, häufig auch bei denen aus der Moskauer und Nowgoroder Schule der Fall. Doch es beeinträchtigt nicht den Wert einer Ikone, wenn die Herkunft nur mit “russisch”, “griechisch” oder “bulgarisch” angegeben wird.

Auch das ungefähre Alter der Ikone sollte in dem Zertifikat aufgeführt sein. Da jedoch ein Thema über lange Zeit hinweg bis in die Einzelheiten gleichartig dargestellt wurde, sind zwei Jahrhunderte als mögliches Entstehungsdatum nicht selten, in Ausnahmefällen ist der Zeitraum noch größer. Auch ein Hinweis darauf, wann das betreffende Ikonenthema aufkam, wird oft möglich sein.

Schließlich sollten in dem Zertifikat das Thema ausführlich beschrieben und die dargestellten Personen namentlich aufgeführt sein, eventuell mit Angabe ihrer Namenstage. Ein seriöser Kunsthändler, der auf Ikonen spezialisiert ist, und ein fachlich versierter Sammler werden im allgemeinen in der Lage sein, eine Expertise auszustellen, das den Anforderungen genügt.

Wie werden Ikonen gemalt?

Ikonen werden nicht gemalt, sondern „geschrieben“! Ikonen sind heilige Bilder. Sie unterliegen festen Regeln, die sich aus ihrem Sinn und Ziel ableiten. Ikonenmalen ist Gebet. Während der Arbeit steht der Maler im geistigen Zwiegespräch mit der dargestellten Person. Nicht jeder darf Ikonen malen bzw. schreiben. Auf den heiligen Konzilien wurde folgendes festgelegt: Der Maler soll friedliebend, demütig und fromm sein. Er soll nicht leicht reden oder Späße machen, nicht streitsüchtig oder gehässig sein. Zu seinem eigenen Heil soll er die Reinheit der Seele und des Leibes bewahren, und -wenn er nicht unverheiratet bleiben kann, so soll er sich wenigstens kirchlich und gesetzlich trauen lassen. Er soll sich Rat bei seinem Beichtvater holen und gemäß dessen Belehrung bei Fasten und Beten enthaltsam und demütig, ohne Ungezogenheit und Schande lebend, mit großem Eifer und mit Hingebung die Bilder unseres Herrn Jesus Christus und seiner reinsten Mutter, der heiligen Propheten, Apostel, Märtyrer, seligen Frauen, der Hohepriester und seligen Väter malen.

Der Meister tritt hinter sein Werk zurück, bleibt anonym. Seine Arbeit ist Dienst an Gott, eine andere Form der Anbetung. Nur wenige Ikonenmaler kennen wir mit Namen, den frühesten aus dem 11. Jahrhundert. Im Allgemeinen entstanden Ikonen in Malschulen der Klöster. Es gab sie bereits in justinianischer Zeit an vielen Orten im oströmischen Reich, auf dem Balkan und auf Kreta sowohl wie in Syrien, Podlinniks genannt, die von einzelnen Malern oder den Malschulen angelegt wurden. Nur wenige sind uns erhalten geblieben und nur solche aus jüngster Zeit. Doch sie enthalten die von alters her über-lieferten Auffassungen über Gestaltung von Themen und Motiven sowie Malanleitungen. Das umfangreichste dieser Art ist die Hermeneia aus dem 18. Jahrhundert. Mönche auf dem Berge Athos, wo es heute noch eine berühmte Ikonen-Malschule gibt, haben es verfasst. Aus der russischen Stroganow-Schule, die von etwa 1580 bis 1620 bestand, stammen Malerbücher mit Umrisszeichnungen.

Trotz aller Vorschriften ist keine Ikone wie die andere gemalt. Die stärkeren und feineren Differenzen und Nuancierungen geben den Ikonen ihren besonderen Reiz. Sie verraten die Handschrift des Malers oder die Auffassung der Malschule. In späterer Zeit zeigen sie -je- doch weniger reizvoll – die Einflüsse kunstgeschichtlicher Strömungen Westeuropas. Die Art, wie man eine Ikone herstellte, hat sich im Laufe der Jahrhunderte so gut wie gar nicht geändert. Zu Anfang des 8. Jahrhunderts, kurz vor Ausbruch des Ikonoklasmus kam eine neue Technik auf, die man bis heute beibehalten hat: das Malen mit Eitemperafarben. Bis dahin hatte man wie bei den Mumienbildnissen Enkaustik angewendet, ein Malverfahren, bei dem man erhitzte, durch Wachs gebundene Mineral-farben mit dem Spachtel aufträgt. Da man schnell arbeiten musste – abgekühlte Farben ließen sich nicht mehr verstreichen -, wirken in Enkaustik gemalte Ikonen oft improvisiert und impressionistisch. Der Spachtelstrich ist meist deutlich sichtbar. Als Untergrund für die Ikonen nimmt man Bretter aus nicht harzhaltigen Baumarten, zum Beispiel Buche, Birke, Erle, Pappel, Zeder und Zypresse, in byzantinischen Schulen vor allem Pinie, Nussbaum und Olive. Die Größe der Ikonen, die man in den Ikonenecken der Wohnungen aufhängt, beträgt im Allgemeinen etwa 30 x 35 cm; sie sind durchweg hoch-formatig, nur ausnahmsweise querformatig.

Was sind russische Ikonen wert?

Auf jeden Fall ist es nicht das Alter allein, denn die meisten Sammler legen Wert auf Optik – und die ist bei antiken Stücken meist nicht so dekorativ wie bei Arbeiten aus dem 19. Jahrhundert. Zur Zeit sind Ikonen aller Fächer sehr gefragt, der Oklad (die Metallverkleidung, die bei manchen Ikonen die Umgebung der bemalten Figuren bedeckt) ist aus Gold oder Silber und ist mit Emaille, Perlen oder Edelsteinen besetzt. Solche Ikonen wurden hauptsächlich in und um Moskau im 18. und 19. Jahrhundert hergestellt. Es ist von großer Bedeutung, dass Punzen und Meisterzeichen vorhanden sind, besonderer Wert wird auf die Insignien berühmter Silber- und Goldschmiedemeister gelegt. Ein weiterer wichtiger Punkt ist der Erhaltungszustand der Ikone. Viele der noch vorhandenen antiken Ikonen sind vor allem durch ihre Lagerung in einem sehr schlechten Zustand, aber wenn die Ikonen sorgsam verwahrt wurden, meist von Sammlern, steigt der Wert enorm.

Folgende Faktoren sind wichtig:

  1. Malqualität: Bei Ikonen zählt — genau wie bei Gemälden — an wichtigster Stelle die Malqualität. Man muss demnach fragen: ist die Ikone besonders fein durchgezeichnet? Vielleicht mit der Lupe gemalt? Welche Aussagekraft steckt in ihr? Ist die Ikone auf Leinwand und mit Goldgrund gefertigt?

  2. Ausstrahlung: Die Farbigkeit und der Goldgrund einer Ikone, diese meist in Verbindung mit einer Silberunterlage, geben der Ikone eine ganz besondere Ausdruckskraft. Malqualität und Ausstrahlung stehen verständlicherweise in einem engen Zusammenhang.

  3. Alter: Das Alter einer Ikone ist zwar, wie beim Gemälde, wichtig, aber nicht allein entscheidend. Genauso wie ein Gemälde des 19. Jahrhunderts teurer eingestuft werden kann als eines des 17. Jahrhunderts, ist auch bei Ikonen das Alter nur im Zusammenhang mit den genannten Kriterien bei der Preisbestimmung zu berücksichtigen.

  4. Patina: In Verbindung mit dem Alter ist die Patina von großer Bedeutung, weil gerade sie einer Ikone mit oder ohne Goldgrund einen eigenartigen Reiz verleiht.

  5. Provenienz: Die Herkunft der Ikone ist auch für die Preisbestimmung wichtig. Russische Ikonen werden heute preislich etwa % höher eingestuft als griechische Ikonen. Die russischen Ikonen zeigen durch ihre bräunliche Grundfärbung eine beruhigende Ausstrahlung, in Verbindung mit dem breiten Rand, den sie gewöhnlich aufweisen. Griechische Ikonen sind oft fröhlicher, mit bläulicher Grundfarbe und dünnerem Rand; auch sind die griechischen Themen meist lockerer auf-gezeichnet, vielleicht entsprechend dem süd-ländischen Temperament. Bei den meisten, heute im Handel angebotenen Ikonen kann ihre genaue Herkunft nur grob unterschieden werden, also z.B. aus Nordrussland, Zentralrussland, Südrussland oder Balkan. Dagegen ist es bei korrekter Einordnung nur bei weniger als 5 % der angebotenen Ikonen möglich, ihre Schule exakt zu bestimmen.

  6. Erhaltungszustand: Entscheidend für den Zustand der Ikone ist oft die Art ihrer Aufbewahrung, d. h. ob sie Bestandteil einer Ikonenwand war, oder sich in einem Privathaus in der Ikonenecke befand, ob ständig Kerzen vor ihr aufgestellt waren, die Spuren hinterlassen haben, oder ob sie zur Prozession mitgenommen, dabei geküsst und häufig betastet wurde. Gerade ältere Ikonen sind oft stark abgerieben, zumal wenn sie unsachgemäß restauriert und überholt wurden — übrigens auch ein Grund, warum nicht immer die älteren Ikonen die wertvolleren sind. Schließlich spielt auch der Zustand des Holzes eine Rolle, besonders wenn das Holz von Würmern befallen ist, die meist das Holz selbst zerfressen, also die Rückseite und nicht die farbliche Oberfläche.

  7. Größe der Ikonen: Während die Normalgröße der Ikonen etwa 30 x 35 cm beträgt, sind die Ikonen aus der Ikonenwand oft wesentlich größer, erreichen bis zu 2,50 m Höhe. Daneben gibt es auch Holzikonen in Postkartengröße oder sogar kleiner. Zwar ist bei der Unterschiedlichkeit der Größenverhältnisse die Malqualität entscheidend, doch können Abmessungen bei der Preisstellung nicht unberücksichtigt bleiben.

  8. Seltenheit der Thematik: Auch die Motivwahl muß bei der Preisbestimmung herangezogen werden. Am häufigsten von allen etwa 12.000 Heiligen, welche die orthodoxe Kirche verehrt, wird der Heilige Nikolaus angetroffen. Ebenso sind unter den etwa 250 verschiedenen Gottesmuttermotiven einige Themen recht selten, andere häufig überliefert (Gottesmutter von Kasan usw.). Besonders begehrt sind zur Zeit Ikonen mit dem Heiligen Georg (“Kampf mit dem Drachen”), ebenso wie mit den Arzt-und Apothekenheiligen Kosmas und Damian, sowie dem Heiligen Panteleimon.

  9. Restaurierung: Grundsätzlich sollte eine Ikone möglichst wenig restauriert werden, also nur soweit unbedingt notwendig. Wird die Restaurierung fachgerecht durchgeführt, so beeinflusst sie im allgemeinen die Preisbestimmung nicht ungünstig. Grundsätzlich muss man davon ausgehen, dass gerade Ikonen, die im Leben eines orthodoxen Christen eine große Rolle gespielt haben, im Laufe der Jahre zu “leiden” hatten. Sie waren nicht nur Wandschmuck, wie etwa ein Gemälde. Sie wurden oft in die Hand genommen, nicht nur bei der Prozession, und sind im täglichen “Gebrauch” häufig durch Weihrauch oder Kerzenlicht gedunkelt. Wenn es dem Restaurator gelungen ist, die Schäden fachgerecht zu beseitigen, so ist eine solche Ikone einer beschädigten unbedingt vorzuziehen.

  10. Konservierung: Die laufende Konservierung der Ikonen sollte ebenfalls dem Fachmann überlassen werden. Ein dünner Überzug mit Firnis genügt alle paar Jahre, damit die Ikone nicht austrocknet. Es kann derselbe Firnis ver- wendet werden, mit dem man auch Gemälde schützt.

Zusammengefasst kann festgestellt werden, dass die preisliche Bewertung von Ikonen doch diffiziler ist, als man zunächst annehmen würde. Jedenfalls ist nicht nur das Alter für den Preis der Ikonen maßgebend, wie man irrtümlich oft hört, sondern eine Reihe ebenso wichtiger Faktoren wie insbesondere die Ausstrahlung und Malqualität einer Ikone in Verbindung mit ihrem Zustand, ihrer Farbigkeit und ihrer Patina.

Der Markt für russische Ikonen

Hinter dem Symbol und durch das Bild hindurch schimmern und leuchten die ewigen Wahrheiten des Glaubens”, schwärmte vor mehr als hundert Jahren der deutsche Theologe Wilhelm Bousset. Vermutlich dachte der Protestant dabei nicht speziell an Ikonen, aber für die orthodoxe Kirche sind die kirchlich geweihten Holzbilder tatsächlich Fenster in die geistliche Welt. Im materialistisch geprägten Diesseits — sprich: auf dem Kunstmarkt—geht es freilich weniger um spirituelle als vielmehr um finanzielle Werte, und diesbezüglich weist kaum eine andere Nische so dramatische Entwicklungen auf wie Ikonen.

Russische Ikonen wurden in den 1970er-Jahren populär, als der Westen diese spirituell kraftvolle Kunstform entdeckte. Die Preise stiegen und stiegen, von ein paar hundert auf Hunderttausende Dollar, Pfund und D-Mark. Die Rezession in den 1980ern bremste diesen Boom abrupt, und erst nach dem Fall der Berliner Mauer, als auch die orthodoxe Kirche in Russland wieder Geltung bekam, zogen mit dem wirtschaftlichen Aufschwung die Preise wieder an.” Damals kauften viele reiche Russen in Europa und den USA Ikonen, um sie zurück ins „Mutterland” zubringen. Ironischerweise waren die meisten dieser Ikonen in den 1930ern von Stalin in den Westenverschachert worden, um harte Währungen zu bekommen. Für emaillierte Ikonen aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert, speziell solche von berühmten Künstlern wie Pawel Owtschinnikow oder Iwan Klebnikow, wurden um die Jahrtausend-wende auf internationalen Auktionen wieder sechsstellige Summen bezahlt — bis zur nächsten Wirtschaftskrise. Seither scheidet sich die Spreu vom Weizen: Durchschnittsware bleibt liegen, während sich hochwertige Ikonen in gutem Zustand und von herausragender Provenienz nach wie vor gut verkaufen.

Der Bilderstreit rund um Ikonen

Ganz anders dachte der christliche Mensch der Frühzeit. Er lehnte es ab, das Göttliche im Bild gegenwärtig zu machen. Maler und Bildhauer sollten sich der Darstellung des Göttlichen enthalten, so hieß es damals. Diese Auffassung mag auch in der Bilderfeindschaft des Judentums ihren Grund haben. Die verschiedenen Meinungen führten vor allem im menschenreichen Byzanz zu Spannungen, aus denen sich ein mit großer Leidenschaft geführter Streit entzündete. Überzeugung stand gegen Überzeugung; die Ikonodulen, die Bilderverehrer, fochten gegen die Ikonoklasten, die Gegner der Bilderverehrung. Bereits seit dem 4. Jahrhundert schwelte die Bilderfrage. Es gab Stimmen für die Bilderverehrung und Stimmen dagegen. Die berühmtesten Kirchenmänner der Zeit diskutierten miteinander und nahmen in Schriften dazu Stellung, so der Heilige Augustinus (354-430) und vor allem Johannes Chrysostomos (344-407). Beide zeigen eine positive Einstellung zum. Bilderschaffen der Zeit, setzten sich aber noch nicht grundsätzlich mit der Bilderverehrung auseinander.

Drei hervorragende Lehrer der Ost-kirche sind es, die bereit waren, christliches Bildschaffen zu bejahen, weil sie den Nutzen für die Frömmigkeit der Menschen, die des Lesens nicht kundig waren, einsahen. Außerdem konnten die Darstellungen aus dem Leben von Heiligen und Märtyrern die Menschen besser und eindringlicher als geschriebene oder vorgetragene Worte dazu bringen, unbeharrlich in ihrem Glauben zu sein. So ermunterte zum Beispiel Basilios der Große (330-379) die Maler, ihr ganzes Können aufzubieten, um die Szenen eindringlich und kunstvoll zu schildern, würdevoll die Personen und sieghaft den neuen Glauben. Auch das Leben weiblicher Heiliger wird bildhaft dargestellt, so die Passion der Heiligen Euphemia, von der Folterung durch die Häscher bis zu ihrem Flammentod, den sie ohne Schmerz im Zeichen des Kreuzes, in der Gewissheit seligen Lebens, erträgt. Ähnlich wie Basilios äußerten sich auch Gregor von Nazianz (330-390) und Gregor von Nyssa (335-394). Kriterium für die Qualität eines Bildes ist zu dieser Zeit die Aussage, deren Wirkung so stark sein muss, dass in der Seele des Betrachters echte Frömmigkeit entsteht oder gefördert wird. Märtyrer und Heilige sind Menschen, die ihres frommen Lebens und ihrer außer ordentlichen Taten wegen am Göttlichen teilhaben. Aber galt das auch für Christus? Die Frage, ob und wie man ihn darzustellen hätte, rührte an die damals noch offene Grundfrage des Christentums: Ist Christus wesensgleich mit Gott? Der Presbyter Arius in Alexandria (gestorben 336) verneinte diese Frage für ihn war Jesus ein gottähnlicher Mensch-, der griechische Kirchenlehrer Athanasius (um 293-373) bejahte sie. Die Kirchenversammlungen von Nicäa 325 und Konstantinopel 381 gaben Athanasius recht und bestätigten die Wesensgleichheit von Christus und dem Vater. Dennoch hielt sich unter den christlich gewordenen Germanen die Lehre des Arius bis ins 7. Jahrhundert.

Aber sowohl nach weströmischer als auch nach oströmischer Auffassung war Christus göttlichen Wesens, und es erhob sich nun die Frage: Ist es zulässig, dass Menschliche des Herrn abgelöst von seiner Göttlichkeit im Bild darzustellen? Oder ist Göttliches darstellbar, und wie lässt es sich im Bild mit umgreifen? Läßt sich die reale Gestalt Christi überhaupt fixieren, die doch, so wird berichtet, verschiedenen Menschen unterschiedlich erschien, die kraft seiner Göttlichkeit unendlich wandelbar war?

Die Lösung fand man in einem Kompromiss. Die Bildnisse jener Zeit -Fresken, Mosaike und Ikonen – zeigen Christus als menschliche Erscheinung, aber ausgestattet mit der Würde und Majestät des Himmlischen, dessen wichtigstes Symbol die Aurole, der zumeist goldene Heiligenschein ist, sie zeigen ihn als gottmenschliche Einheit. Die wichtigsten Argumente dafür, dass es nicht unmöglich war, Gottmenschliches darzustellen, waren die Menschwerdung der Zweiten trinitarischen Person und jene Stelle aus der Genesis, in der es heißt, Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde. Doch die Kirche hatte diese Auffassung noch nicht sanktioniert. Erst Jahrhunderte später wird sie gezwungen, Stellung zu beziehen.

Die nach griechischer Tradition und byzantinischer Überzeugung freundliche Einstellung zu kultischen oder religiösen Bildnissen geriet im 8. Jahrhundert ins Wanken.

Der byzantinische Kaiser Leo III. war es, der 730 durch ein Bildverbot den Bilderstreit entfesselte. Wie ist dieser recht plötzliche Gesinnungswandel im sonst so bilderfreundlichen Byzanz zu erklären? Die Zweifel an der Rechtmäßigkeit bildnerischen Tuns waren nie ganz verstummt, sie fanden neue Nahrung in der Auffassung des Islam, der sich nun mächtig auszubreiten begann. Schon seit einiger Zeit bestürmten die Araber das byzantinische Reich und bedrohten Konstantinopel. Im Islam durfte die menschliche Gestalt Gottes oder seines Propheten nur als abstraktes Ornament auf Bildern angedeutet werden. 720 hatte der Kalif Jazid II. ein strenges Bilderverbot erlassen, das auch für die Christen in seinem Lande galt. Er ließ alle Bilder aus ihren Kirchen entfernen. Die Überzeugungskraft dieser jungen Religion, die mit Schwert und Feuer die neue Heilsbotschaft in die Völker Asiens, Afrikas und Europas trug, blieb nicht ohne Wirkung auf das Christentum, wenngleich Leo III. die Verteidigung des Christentums gegen den Islam als seinen Heiligen Krieg betrachtete. Seine Entscheidung gegen die Bilder hatte auch noch einen politischen Grund: Er strebte die Unabhängigkeit der Ostkirche vom Papst an und wollte gleich zeitig seine Macht, die Macht des Kaisers, über die Kirche in seinen Reich betonen.

Die Päpste Gregor II. und Gregor III. verdammten den Ikonoklasmus, das Bilder-verbot. Auch die Griechen stemmten sich dagegen, und so wurde vor allem Byzanz der Schauplatz dieser heißen und blutigen Auseinandersetzung. Kaiserliche Truppen, unterstützt von einer armenischen Elitetruppe, kämpften gegen Scharen von Mönchen, die gegen das gutorganisierte Heer mit Methoden von Untergrundbewegung vorgingen. Der kaiserliche Sprecher wurde auf offener Straße von einer aufgebrachten Menschenmenge überrannt und erschlagen. Die Antwort darauf waren Brecheisen und Stangen, mit denen die Kaiserlichen und den Kirchen und Wohnungen die Bilder zerstörten. Viele Anhänger der Bilderverehrung emigrierten nach Unteritalien und der Krim und schufen hier Reservate der Ikonenmalerei.

Die Synode von Hiereia 754 wollte ein für alle Mal den Bilderstreit durch ein Bildverbot beenden und befahl die Bildervernichtung. Doch der Papst erhob Einspruch und brachte das Gesetz um seine ökumenische Wirksamkeit. Dennoch setzte im oströmischen Reich ein neuer Sturm auf die Bilder ein. Es sind nicht viele Ikonen, die der Vernichtung entgingen, etwa 40 bis 50 aus der so überaus schöpferischen justinianischen Epoche (6. – 7. Jahrhundert) und der Zeit des Bilderstreites (726-842), in der man nicht aufgehört hatte im Verborgenen zu malen. Aus der Frühzeit (4. und 5. Jahrhundert) sind uns gar keine Ikonen erhalten geblieben.

Ein vorläufiges Ende fand der Bilderstreit durch die Kaiserin Eirene, eine überzeugte Anhängerin der Bilderverehrung – sie stammte aus Athen -, die für ihren unmündigen Sohn Konstantin VI. die Regentschaft führte und später Alleinherrscherin war. Auch der Westen nahm zur Bilderfrage Stellung. Die von Karl dem Großen geleitete Synode zu Frankfurt 794, bei der auch Papst Hadrian I. zugegen war, wendete sich sowohl gegen Bilderverehrung als auch gegen Bilderzerstörung.

Das 7. ökumenische Konzil von Nicäa 787, das Eirene zusammen mit dem Patriarchen von Konstantinopel einberief und zu dem zwar nicht Papst Hadrian I. selbst, aber doch seine Legaten erschienen, stellte fest: Alle heiligen Bilder von Jesus Christus, der Gottesmutter, den Heiligen dürfen gemalt oder sonst wie gestaltet und aufgestellt werden. Jedermann darf ihnen Ehrfurcht und Verehrung erweisen, ohne sie jedoch im eigentlichen Sinne anzubeten, was nur allein Gott zukommt. Diese Verehrung betrifft nicht das Bild, sondern die auf ihm dargestellte Person.

Noch einmal schien sich der Streit zugunsten der Ikonoklasten entscheiden zu wollen, eine Synode im Jahre 815 widerrief die Beschlüsse von Nicäa, doch 843 beendete die Kaiserinwitwe Theodora auf einer Synode in Konstantinopel endgültig den Bildersturm. In einer feierlichen Prozession wurden Ikonen durch die Straßen getragen, Kirchen und Häuser aufs neue geschmückt. Die Begeisterung in Konstantinopel war grenzenlos, und noch heute wird zum Gedenken an diesen Tag in der griechischen und russischen Kirche am 19. Februar das »Fest der Orthodoxie«, der Rechtgläubigkeit, gefeiert.

Die Beschlüsse der Synode von Konstantinopel hatten noch weiter-reichende politische Folgen: Sie vertieften die Trennung der Ostkirche von Westrom, die Spaltung der europäischen Christenheit. Die Ostkirche blieb Staatskirche. 1054 wurde ihre Unabhängigkeit vom Papst endgültig besiegelt. Bedeutende Kirchenmänner hatten den Kampf auf beiden Seiten geführt. Punkt für Punkt widerlegten der Abt Theodor, genannt Studita, und der Patriarch Nikephoros von Konstantinopel, auf den Gedanken Johannes von Damaskus und den Aussagen der Bibel fußend, die Argumente der Ikonoklasten. Ihre Rechtfertigung des Bildschaffens legte auch gleichzeitig Sinn und Ziel der Ikonen für die nächsten Jahrhunderte fest, sie schufen sozusagen eine Theologie der Ikonen.

Doch außer ihren scharfsinnigen Argumenten fanden sie auch ganz einfache Begründungen: Die menschliche Natur ist aufs Schauen angelegt. Die Menschen um Jesus wollten ihren Heiland sehen. Wir möchten uns ein Bild von ihm machen. Und damit ist nicht nur das einfache Abbild gemeint, das die äußere Erscheinung festhält, sondern ein Bild, das die ganze heilige Person umfasst. Und diejenigen, die das Bild betrachten, schauen nicht nur mit den Augen, sondern auch mit dem Herzen.

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